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kolonial. Globale Verflechtungen der Schweiz

Seit dem 16. Jahrhundert ist die schweizerische Gesellschaft zunehmend global vernetzt, insbesondere mit den europäischen Kolonialreichen. Die Ausstellung zeigt koloniale Handlungsfelder, in die Schweizer und Schweizerinnen involviert sind. Sie reichen von der Beteiligung am Handel mit versklavten Menschen über den Söldnerdienst in den Kolonien bis hin zur wissenschaftlichen Forschung als eine Form der Ausbeutung von Mensch und Natur.

Auf dem Gang durch die Ausstellung werden Akteure und Akteurinnen sowie Institutionen aus dem Gebiet der heutigen Schweiz vorgestellt. Aber auch versklavte und kolonisierte Menschen, die Widerstand leisten, treten auf, auch wenn sich viele Spuren heute fast verloren haben.

Das Erbe des europäischen Kolonialismus prägt die Welt bis heute. Die Ausstellung lädt im letzten Teil die Besuchenden ein, sich mit aktuellen Debatten auseinanderzusetzten.

Inhalt

Versklavung

Um die Plantagen in der Karibik und in Nord- und Südamerika zu bewirtschaften, deportieren europäische Händler vom 16. bis 19. Jahrhundert über 12 Millionen Menschen aus Afrika in die Kolonien. Der transatlantische Sklavenhandel ist bis heute die grösste je erfasste Massendeportation. Er schafft die Voraussetzungen für die Entwicklung des Rassismus.

Über 250 Schweizer Unternehmen und Private beteiligen sich am Handel und an der Deportation von ca. 172’000 Menschen. Die Entmenschlichung der versklavten Menschen ist Voraussetzung für diese Form von Ausbeutung.

Reichtum durch Ausbeutung

Der transatlantische Sklavenhandel findet im 18. Jh. seinen unrühmlichen Höhepunkt. Auch Städte wie Bern und Zürich investieren in den Sklavenhandel, beide sind Aktionäre bei der britischen South Sea Company, die über 38’000 versklavte Menschen deportiert. 

Stock, Aktie der South Sea Company, London, 1729 | Sammlung des Schweizer Finanzmuseum, Zürich

Fabrikant, Händler, Investor

Die Firma Christoph Burckhardt & Cie. stellt in Basel Indiennes-Stoffe her und handelt mit Kolonialwaren. Die Familie Burckhardt beteiligt sich an 21 Sklavenfahrten, die 7’350 versklavte Menschen deportieren.

Rechnungsauszug für Sklavenschiff Le Cultivateur, Ch. Burckhardt & Cie, Basel, 1815–1817 | Schweizerisches Wirtschaftsarchiv, Basel

Die versklavten Menschen werden zu einer Fracht degradiert und unter ungeheuerlicher Gewalt in die Kolonien verschleppt. Versklavung ist keine Erfindung des europäischen Kolonialismus. Es gab bereits zuvor einen innerafrikanischen Handel mit versklavten Menschen, ebenso wie einen Sklavenhandel unter den arabischen Ländern. Der Dreieckshandel stellt jedoch eine neue Dimension der Kapitalisierung menschlicher Körper dar.

Indiennes | © Schweizerisches Nationalmuseum

Indiennes
Bedruckte Baumwollstoffe sind ein wichtiges Handelsgut im Tausch gegen versklavte Menschen. Dieses Fragment ist wohl der einzig erhaltene Stoff, der eigens für den Tausch gegen Versklavte produziert wurde.

Le lion et la chèvre, Manufacture Petitpierre & Cie, Nantes, um 1790, Holzmodeldruck auf Baumwolltuch | Schweizerisches Nationalmuseum

Besitz von versklavten Menschen 

Seit dem 17. Jahrhundert besitzen Schweizer Privatpersonen Plantagen, die sie mit versklavten Menschen betreiben, etwa in der Karibik und in Brasilien. Durch die Ausbeutung der versklavten Frauen, Kinder und Männer erlangen diese grossen Reichtum.

Auch Schweizer Unternehmer und Söldner besitzen in europäischen Kolonien versklavte Menschen. Es ist bekannt, dass einige von ihnen diese Menschen auch in die Schweiz bringen. In Asien kommt es zudem vor, dass Söldner mit versklavten Frauen zusammenleben.

Und heute?

Seit Jahren gibt es Forderungen nach Reparationen für das Verbrechen der Sklaverei. Diese komplexe Frage wurde noch immer nicht eindeutig beantwortet. Der Historiker Hans Fässler ordnet ein.

Die Bilder des schweizerisch-brasilianischen Fotografen Dom Smaz erinnern an die Schweizer Vergangenheit des Dorfes Helvécia in Brasilien, wo die Erinnerung an die Sklaverei in den Nachkommen weiterlebt.

Eine Schweizer Kolonie in Brasilien

Das Dorf Helvécia im Nordosten Brasiliens war einst unter dem Namen Leopoldina bekannt. Es handelte sich um eine deutsch-schweizerische Kolonie mit intensiver Tätigkeit im Bereich des Kaffeeanbaus. Auf den örtlichen Plantagen, unter anderem auf der Pflanzung «Helvétia» des Schweizers Johann Martin Flach, arbeiteten zahlreiche versklavte Menschen.

Als 1888 die Sklaverei in Brasilien verboten wird, erlangen in Helvécia etwa 2'000 versklavte Menschen die Freiheit, so auch der Grossvater von Dona Cocota.

Dom Smaz, Dona Cocota, Helvécia, Brasilien, 2015 | Schweizerisches Nationalmuseum

Nachfahren

Der Fotograf Dom Smaz begibt sich mit der Journalistin Milena Machado Neves nach Helvécia. Die beiden beschliessen, die Geschichte des Dorfes zu erzählen, in dem heute Nachfahren versklavter Menschen und Familien ehemaliger Schweizer Siedler, darunter die Familie Sulz, nebeneinander leben.

Dom Smaz, Carlos Henrique Cerqueira (Enkel von Henrique Sulz), Helvécia, Brasilien, 2017 | Schweizerisches Nationalmuseum

Handel

Seit dem 16. Jahrhundert handeln Schweizer Unternehmen mit sogenannten Kolonialwaren: Textilien, Gewürze und Tee aus Asien; Zucker, Kakao, Kaffee und später Baumwolle aus Nord-, Mittel- und Südamerika. Die europäischen oder asiatischen Stoffe sind eine der Hauptwährungen im transatlantischen Dreieckshandel.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts dienen Afrika und Südostasien als Absatzmärkte für europäische Industrieprodukte; im Gegenzug importiert Europa Rohstoffe, um seine industrielle Produktion voranzubringen. In der Schweiz, einem rohstoffarmen Land, profitieren einige Handelshäuser davon und steigen zu den weltweit grössten Rohstoffhändlern auf.

Kakao

Die Kakao Pflanze wächst nur in tropischen Gebieten und ist im 18. Jh. einer der wichtigsten Rohstoffe, der von versklavten Menschen abgebaut und auch von Schweizer Handelsunternehmen auf dem Weltmarkt gehandelt wird. Erst im 19. Jh. kommt Kakao von Südamerika nach Afrika.

Kakaofrucht, cacahuatl (Nahuatl, Sprache der Azteken), Ghana, 2024 | Schweizerisches Nationalmuseum

Kakao-Trockenplatz in Accra

Die 1859 gegründete Missions-Handlungs-Gesellschaft geht aus der Basler Mission hervor. Sie ist in Indien und in Ghana tätig, wo sie Kakao anbaut und damit handelt. 1921 folgt ein zweites Unternehmen, die Union Trading Company. Es wird zu einer der grössten Handelsgesellschaften der Schweiz.

Accra, Kakao-Trockenplatz, um 1904/1905, Reproduktion | Mission 21, Bestand der Basler Mission 

Die Basler Missionshandelsgesellschaft ist Mitglied des Kartells europäischer Handelsgesellschaften und kann so den Produzentenpreis drücken. Damit behindert sie afrikanische Konkurrenzunternehmen auf dem Markt. Im Bild: lokale Arbeiter und der Aufseher in «kolonialem Weiss» gekleidet – das Machtgefälle kommt so deutlich zum Ausdruck.

Transithandel

Transithandelsfirmen handeln mit Rohstoffen, ohne dass die Ware ins eigene Land kommt. Dank freier Marktzugänge und hoher Kapitaldeckung erwirtschaften Firmen, wie die Basler Missions-Handlungs-Gesellschaft oder Volkart & Cie., hohe Gewinne und profitieren davon, dass Kolonien auf die Rohstoffproduktion ausgerichtet werden.

Sinkende Transportpreise und neue Kommunikationstechnologien führen ab 1880 zu einem enormen Aufschwung des Handels; die Schweiz wird zu einer der grössten Drehscheiben für den Rohstoffhandel.

Weltkarte der Baumwolle

Schon ab 1870 ist Volkart & Cie der viertgrösste Exporteur indischer Baumwolle. Ab den 1930er Jahre muss Volkart Zugang zu neuen Märkten suchen und findet sie in China und Japan. Die Karte zeigt die wichtigsten Baumwollanbaugebiete der Welt.

The Main Cotton Exporting Countries, Orell Füssli, Zürich, 1951 | Stadtarchiv Winterthur, Firmenarchiv Gebr. Volkart, Dep 42/951

Warum ist die Schweiz – ohne eigene Rohstoffe und einer ungeeigneten Topografie – so reich?
Die Frage, ob die Schweiz (als Staat) auch infolge ihrer kolonialen Verflechtungen reich geworden sei, lässt sich aufgrund des heutigen Forschungsstands nur schwer beantworten. Einzelne Unternehmen und Familien haben zweifellos profitiert vom Kolonialismus, während um 1900 der Grossteil der Bevölkerung arm und unterprivilegiert lebt.

Von Mythen und Fakten: Zum Ursprung des Schweizer Reichtums, Diskussion mit Markus Somm Journalist und Historiker, und Hans Fässler, Historiker, Echo der Zeit, 21.12.2021 | Schweizer Radio und Fernsehen SRF

Handelsschiff

Das Handelsschiff wird 1859 im Auftrag des Schweizers J.C. Kuhn, einem Baumwollhändler und Konsul in Texas, gebaut. 1860 segelt das Schiff mit einer ersten von versklavten Menschen gepflückten Baumwolllieferung nach Liverpool.

Samuel Walters, Ansicht des Schiffes von Johann Conrad Kuhn, Liverpool, 1859, Öl auf Leinwand | Schweizerisches Nationalmuseum

Und heute?

In der Schweiz sind 2021 rund 960 Rohstoffhandelsfirmen verzeichnet, die weltweit ungefähr ein Viertel des Rohstoffhandels abwickeln. 

Noch immer fliessen die Gewinne in den globalen Norden, während die Ursprungsländer die grossen Lasten der Umweltschäden tragen oder den menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind. Die Bevölkerung profitiert kaum vom Rohstoffreichtum ihres Landes. Sind die Rohstofffirmen die neuen Kolonialherrschaften?

Söldner

Aufsicht der Kolonien

Von 1783 bis 1788 ist das Regiment de Meuron in der niederländischen Kolonie am Kap der Guten Hoffnung in Südafrika stationiert. Das Regiment wird anschliessend auf die Insel Ceylan (heute Sri Lanka) verlegt, wo es an Feldzügen gegen das Königreich Kandy teilnimmt.

A. von Escher, Les régiments suisses au service étranger, 1850–1900. Lithografie | Schweizerisches Nationalmuseum

Hans Christoffel

Der Bündner Hans Christoffel (1865–1962) steigt in der Königlichen Niederländisch-Indischen Armee vom einfachen Soldaten zu einem der meist ausgezeichneten Offizieren auf. Er ist für seinen militärisch-autoritären Führungsstil und sein skrupelloses Handeln bekannt.

Christoffel leitet von 1905 bis 1910 eine eigene Brigade, die berüchtigte «Tigerkolonne», die grausame Kämpfe ausrichtet. Folter, Hinrichtungen und Entführungen gehören zum Standardrepertoire. Auf der Insel Flores (heute Indonesien) richtet er ein Massaker an.

Porträt des Schweizer Söldners Hans Christoffel, Fotografie, o.D | Collectie Museum Bronbeek

Und heute?

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein werden die Schweizer Söldner als Helden verehrt, als starke Männer, die in Schlachten ziehen. Dass die Söldner zur Durchsetzung von Gewaltregimes beitrugen, oft starben oder durch die Gewalterfahrungen schwer traumatisiert in die Schweiz zurückkamen, wird ausgeblendet.

In den ehemaligen Kolonien prägt die Erinnerung an die Söldner und ihre Gewaltexzesse noch immer die Bevölkerung, wie etwa heute von Thomas Mite, dessen Vater als Zehnjähriger nur knapp dem Massaker von Hans Christoffel entging.

Erinnerungen an die Massaker auf Flores, Indonesien, 1907-1908, unter dem Kommando von Hauptmann Hans Christoffel

Der Zürcher Ethnologe Edgar Keller und sein Kollege Yoseph Agato Sareng interviewten 2008 Bewohnerinnen und Bewohner von Flores, deren Eltern und Grosseltern Zeuginnen und Zeugen der von Hans Christoffel befehligten Massaker von 1907 waren. 2023 interviewen Keller und Sareng die Nachfahren erneut.

Film von Edgar Keller, im Auftrag des Schweizerischen Nationalmuseums, 2023

Schweizer Siedlungskolonien

Ab 1600 gründen Kolonialregierungen sogenannte Siedlungskolonien, wo Europäerinnen und Europäer vermeintlich besitzloses Land bewirtschaften und Handel treiben sollen. Das Land wird dabei der indigenen Bevölkerung streitig gemacht.

Auch wenn die Schweizer Auswanderinnen und Auswanderer meist aus ärmlichen Verhältnissen stammen, profitieren doch viele von ihnen auf lange Sicht als Weisse von den vorherrschenden Machtstrukturen und tragen zur gewaltsamen Vertreibung der indigenen Bevölkerung bei – vor allem in Nord- und Südamerika, punktuell auch in Asien oder in Afrika.

New Bern

Christoph von Graffenried gründet 1710 die Kolonie New Bern im heutigen Bundesstaat North Carolina, USA. Die englische Kolonialmacht teilt ihm 16’200 Hektaren Land zu. Hier leben aber bereits Familien der Skarù·rę (auch Tuscarora genannt), die seit Jahren für ihre Unabhängigkeit kämpfen.

1711 kommt es zum Krieg, die Skarù·ręʔ überfallen New Bern, die Stadt wird fast gänzlich zerstört. 1712 verlieren die Skarù·rę ihren Kampf, Hunderte von ihnen werden getötet, gefangen genommen und in die Sklaverei verkauft.

Gefangennahme

Von Graffenried dringt zusammen mit dem Briten John Lawson in das Gebiet der Skarù·rę ein und wird gefangen genommen. Lawson wird hingerichtet, von Graffenried kommt wieder frei.

Zeichnung der Gefangennahme, in: Bericht über die Reise nach Amerika und die Gründung von New Bern, Christoph von Graffenried, um 1715 | Burgerbibliothek Bern, Mss.Mül.466 (1), p. I

San Carlos

Als sich die südamerikanischen Länder ab 1809 von den spanischen und portugiesischen Kolonialmächten lösen, entstehen freie Staaten, die von einer weissen und kreolischen Elite regiert werden. Diese sollen zu weissen Gesellschaften nach europäischem Vorbild werden.

Zwischen 1856 und 1896 werden über 20 Schweizer Siedlungskolonien in Argentinien gegründet – grösstenteils von verarmten Bäuerinnen und Bauern aus den Bergtälern des Wallis – wie etwa die Kolonie San Carlos.

Armut
Viele Siedlerinnen und Siedler sind aus Armutsgründe aus der Schweiz ausgewandert. Oft werden sie in der neuen Heimat nicht reich. Wirtschaftlich besser geht es erst der zweiten oder dritten Generation.

Kolonie San Carlos, 1883 | Schweizerisches Wirtschaftsarchiv, Basel

Diese Fotografie zeigt einerseits die ärmlichen Lebensbedingungen der Siedlerinnen und Siedler, andererseits zementiert es auch die Vorstellung von dem weitläufigen und unbewohnten Land. Nicht zu sehen ist, dass sich die Siedler und Siedlerinnen auf Land niederlassen, das zeitweise von Indigenen bewohnt ist. Diese werden mit Gewalt vertrieben.

Und heute?

Ende des 19. Jahrhunderts erobert der chilenische Staat weite Teile im heutigen Süden Chiles, wo die Mapuche in Selbstverwaltung leben; sie werden ermordet, enteignet und entrechtet. Das Land wird an Siedlerinnen und Siedler aus Europa verteilt, wie etwa an die Familie Luchsinger aus Engi (GL).

Bis heute kämpfen die Mapuche für die Rückgabe ihres Landes, darunter auch Land von den Nachfahren der Luchsingers. Die Familie Luchsinger hingegen sieht sich als rechtmässige Eigentümerin des Landes.

Missionen

Seit dem 16. Jahrhundert sind Schweizer Missionare in fast allen Weltregionen tätig, um die dort lebenden Menschen dem christlichen Glauben zuzuführen. Eines der ersten und grössten evangelischen Missionswerke in Europa ist die Basler Mission.

Missionarinnen und Missionare errichten zusammen mit lokalen Autoritäten Spitäler und Schulen. Mitunter stossen sie gesellschaftliche Veränderungen an, jedoch prägt häufig ein paternalistisches Selbstverständnis die Beziehungen. Zurück in der Heimat vermitteln die Missionare das Bild von unterlegenen Kulturen in den Kolonialgebieten.

Die Mission romande

Die Westschweizer Missionsarstätigkeit beginnt offiziell im Jahr 1874 mit der Gründung der Mission vaudoise. Nachdem die evangelischen Freikirchen aus Genf und Neuenburg dazu gestossen sind, wird sie 1883 in Mission romande umbenannt. Die Mission ist in Lesotho, in Transvaal (Südafrika) und in Mosambik tätig. Sie umfasst prägende Figuren wie Ernest Creux (1845–1929), Paul Berthoud (1847–1930) und Henri-Alexandre Junod (1863–1934). Sie beteiligen sich an der Missionstätigkeit, die zwangsläufig eine Form des Kulturimperialismus darstellt, interessieren sich aber auch für die lokale Kultur und führen linguistische oder ethnologische Forschungen durch.

Postkarte Mission romande de Transvaal, Chapelle von Elim, um 1885 | Patrick Minder, Fribourg

Vier Pastoren in Transvaal

Die Mission romande bildete Indigene zu Priester aus. Auf der Rückseite sind die Namen der indigenen Pfarrer notiert: v.l.n.r: MM. Malalé, Jocobus, Machao, Jonas Mapopé et Ozias Magadzi Diese Postkarte wurde von einem Unbekannten nach Môtiers (FR) an das Ehepaar Jean und S. Robert gesandt.

Postkarte Mission suisse romand. Nos quatre pasteur indigènes du Transvaal, Cliché P. Rosset, 1923 | Patrick Minder, Fribourg

Die Basler Mission

Fromme Bürger der bürgerlichen Elite Basels gründen mit süddeutschen Pietisten 1815 die Basler Mission. Ab 1828 werden Missionare an die Goldküste (heute Ghana) und ab 1834 nach Südindien geschickt, wo sie die vermeintlich «wohlthätige Civilisation» bringen.

Diakonissen werden ab 1901 ebenfalls in die Missionsgebiete gesandt – die Zentrale in Basel verspricht sich bessere «Bekehrungserfolge» bei den «heidnischen» Frauen.

Missions-Weltkarte

Die Weltkarte zeigt Regionen der Welt, wo evangelische und katholische Missionare tätig sind. Die Bilder von «Heiden» veranschaulichen den Anspruch der Mission: die Christianisierung aller Menschen der Erde.

Missions-Weltkarte, Verlag der Missionsbuchhandlung, Basel, 1891| Mission 21, Bestand der Basler Mission

Und heute?

Seit Gründung der Basler Mission wird auch Kritik an ihr geübt, die schliesslich Mitte der 1950er-Jahre zum Abbruch der Missionsarbeit führt. Die Kritik richtet sich gegen die Bekehrungen und ein Sendungsbewusstsein, das von einer vermeintlich überlegenen europäischen Kultur getrieben ist.

Als positive Folge der Missionen sieht der indische Historiker Mukesh Kumar die gesundheits- und bildungspolitischen Einrichtungen, die vielerorts das Leben von konvertierten Teilen der Bevölkerung erleichtern.

Queerer Aktivismus
Als queerer Künstler beschäftigt sich Sandeep TK mit den Spannungsfeldern zwischen Varnas, Klassen und Geschlecht, bezieht aber auch globale Machtstrukturen, die durch das Erbe kolonialer Vergangenheit entstanden sind, mit ein. Gerade queere Menschen verlassen oft ihre Heimatdörfer, um den Strukturen zu entfliehen, mit dem Preis einen Teil der eigenen Kultur zurückzulassen und sich an eine neue Lebensweise anpassen zu müssen:

«Ich befasse mich auch mit den Bestrebungen von queeren Menschen aus der Kleinstadt, in eine grössere Stadt zu ziehen, um Teil der urbanen Kultur und des umfassenderen Queer-Netzwerks zu werden. [...] Es ist eine kollektive Erfahrung von Queers aus Kleinstädten, die mit den Schwierigkeiten einhergeht, sich an eine neue urbane Kultur, Sprache und Lebensweise in der Stadt anzupassen.»

Foto: Social Media des Künstlers

Fotoserie «Let me add something in my own melody»
In seinem Schaffensprozess merkt der Künstler, dass auf Fotografien oftmals Personen passiv, ohne Selbstbestimmung und in Abhängigkeit von der fotografierenden Person abgelichtet werden. Er verbindet die passive Stellung von Personen in Fotografien mit Geschichten seiner Vorfahren im Umfeld kolonialer Strukturen. Er beschliesst deshalb, diese Geschichten anders zu erzählen und sich dabei selbst abzulichten. Mit Selbstportraits schafft er eigene, neue Bilder der Vergangenheit, die eine selbstermächtigte Person zeigen – seiner selbst.

Die Fotoserie zeigt den Künstler in inszenierten Posen, die Geschichten seiner Grossmutter, seines Vaters sowie aus Briefen Zeit der Basler Mission erzählen.

«Die Basler Mission kam nach Malabar mit dem Ziel, christliche Botschaften zu verbreiten. Um ihr Ziel zu erreichen, errichteten sie Schulen, Fliesenfabriken und Webereien, um Menschen aus den untersten Schichten der Bevölkerung zu beschäftigen.»

Aus der Serie Let me add something in my own melody, 2020 | Courtesy of Sandeep TK

Forschung im Missionsarchiv Basel
«Vor einigen Jahren hatte ich im Rahmen eines Pro-Helvetia-Aufenthalts die Gelegenheit, einige Zeit im Missions-Archiv in Basel zu verbringen. […] Die Basler Mission war ein christliches Missionswerk, ein europäisches Unternehmen mit imperialen Untertönen der damaligen Zeit. Aber sie (die Missionare) brachten frischen Wind in die Region und konnten die Situation der unberührbaren Kasten als das sehen, was sie war: Unterdrückung. Und in dem Masse, in dem sie helfen konnten, waren die Menschen dankbar, auch wenn die Aktion vom Eifer der religiösen Bekehrung und der zivilisatorischen Mission angetrieben wurde. Als jemand, der aus denselben unberührbaren Kasten stammt wie sie, aus einer Familie, die nicht konvertiert ist, hatte ich verständlicherweise eine komplexe Reaktion auf ihr Vermächtnis in meinem Heimatland.»

Zitat aus: Reading the Body: In Conversation with Sandeep TK, MALLIKA VISVANATHANFEB 26, 2024. Asap Art, alternative South Asia Photography

Foto: Social Media des Künstlers

Karrieremöglichkeiten

Zahlreiche Schweizer Experten sind ab Mitte des 19. Jahrhunderts im Dienst der Kolonialmächte tätig. Geologen suchen Öl, Ingenieure errichten Brücken, Beamte treiben Steuern ein. Ihr Fachwissen dient der kolonialen Erschliessung und Administration des Landes. 

Schweizer sind unter anderem im Kongo-Freistaat angestellt, ihr Wissen unterstützt die Ausplünderung des Landes. Der Ingenieur Victor Solioz (1857–1921) baut in Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia, eine Eisenbahn zum Abtransport von Mineralien. Der lokale Widerstand gegen die Bahn wird mit brutaler Gewalt quittiert, die im Genozid gipfelt.

Kritik

Der Neuenburger Daniel Bersot (1873-1916) ist ab 1897/98 für drei Monate als Beamter im Kongo- Freistaat. Nach seiner Rückkehr äussert er Kritik am Kolonialismus und berichtet in seinem Buch von Misshandlungen mit der «chicote», einer Flusspferdhautpeitsche, die beispielsweise zur Bestrafung bei Nichteinhalten der Kautschuklieferquoten eingesetzt wurde. Trotzdem finden sich im Buch aber auch rassistische Aussagen.

«Unter der Chicote ! diese drei Worte fassen die Geschichte Zentralafrikas des letzten Vierteljahrhunderts zusammen; sie charakterisieren das Regime der Unterdrückung, die gnadenlose Ausbeutung, der ein riesiges Land ausgesetzt ist; sie umreissen das Leben von Angst und Mühsal/Arbeit der N— im Kongo.»

Sous la chicote, Daniel Bersot, Genf, 1909 | Patrick Minder, Fribourg

Rechtfertigungsversuch
Erwin Federspiel (1871–1922) ist ab 1898 für zehn Jahre bei der force publique, der Militär- und Polizeitruppe des Kongo-Freistaats. Diese schlägt den Widerstand der lokalen Bevölkerung mit extremer Gewalt nieder.  Selber beteiligt am Eintreiben von Steuern während der Kongo-Gräuel, verharmlost und rechtfertigt Federspiel die Geschehnisse in seiner Schrift.

Wie es im Congostaat zugeht, Erwin Federspiel, Zürich, 1909 | Zentralbibliothek Zürich, Bro 12780

«Apéro Congo B and W»

Die Bildunterschrift, eine Anspielung auf die Whisky-Marke «Black & White», sowie die Haltung der Kolonialbeamten und der kongolesischen Bediensteten im Hintergrund spiegeln die ungleichen Machtverhältnisse im Kolonialsystem wider.

Dieses Foto aus der Sammlung des Schweizer Postbeamten Paul Moehr im Unabhängigen Staat Kongo zeugt von der rassistischen Gesellschaftsordnung. Während sie in der Schweiz «einfache» Beamte sind, erleben manche Personen in den Kolonien einen sozialen Aufstieg. Viele missbrauchen ihre Machtposition und beteiligen sich an den Gräueltaten gegenüber der kongolesischen Bevölkerung.

«L’apéro au Congo B and W», Paul Moehr, Unabhängiger Staat Kongo, um 1903–1908 | Patrick Minder, Freiburg

Ausbeutung der Natur

Mit dem Kolonialismus geht auch eine tiefgreifende Veränderung und Zerstörung von Landschaften, Flora und Fauna einher – mit bis heute spürbaren Klimafolgen.

Die Kolonien dienen als scheinbar unversiegbare Quellen natürlicher Ressourcen. Deren Nachfrage steigt mit der Industrialisierung Europas stark an. Auch Schweizerinnen und Schweizer plündern natürliche Ressourcen, indem sie intensive Plantagenwirtschaft oder Grosswildjagd betreiben, wie Beispiele aus Sumatra und Ostafrika zeigen.

«Anfang einer Pflanzung»

Fotos in den Alben der Schweizer «Pflanzer» zeigen gerodete Waldflächen. Der kolonialen Plantagenökonomie auf Sumatra fallen riesige Waldflächen zum Opfer. Die tiefgreifende Veränderung der Natur wird als Notwendigkeit zur Steigerung des Profits hingenommen.

Album von Karl Krüsi, Sumatra, ca. 1880–1900 | Schweizerisches Nationalmuseum

Artenvielfalt in Gefahr
Die Gewinnung von Land geht einher mit Lebensraumverlust. Die Biodiversität nimmt stark ab. Waldrodungen wirken sich negativ auf das Klima aus. Die Kolonien werden als scheinbar unversiegbare Quellen natürlicher Ressourcen ausgebeutet.

«Pflanzer» vor gerodetem Feld, Sumatra, Ende 19. Jh. | Museum Heiden, Nachlass Traugott Zimmermann

Resistenza
L’agricoltura di piantagione racchiude in sé un forte potenziale di conflitto. Questa lettera indirizzata Carl Fürchtegott Grob (1830–1893) di Zurigo, proprietario di una piantagione, fornisce una prova della resistenza locale: il mittente minaccia di appiccare il fuoco se le sue condizioni non verranno soddisfatte.

Lettera minatoria con iscrizione in una delle lingue Batak, Sumatra, 1875–1880 | Völkerkundemuseum der Universität Zürich, Inv.nr. VMZ 01006, © Kathrin Leuenberger

Grosswildjagd

Vivienne und ihr Vater Bernard von Wattenwyl brechen 1923/1924 zur «Jagdsafari» nach Ostafrika auf – ausgestattet mit einem Sammlungsauftrag des Naturhistorischen Museums Bern.

Im heutigen Kenia und Uganda erlegen sie unzählige Tiere. Im Museum werden diese dann präpariert und ab 1936 in eigens dafür gestalteten Schaukästen mit idealisierter Ausschmückung ausgestellt. Diese sogenannten Dioramen prägen über Generationen die Vorstellungen eines «wilden» afrikanischen Kontinents.

Kenya, Vivienne von Wattenwyl, 1923 | Naturhistorisches Museum Bern

Nashornjagd

Am 17. Dezember 1924 schiesst Vivienne im «Rhino-Camp»-Reservat ein Nashorn. In ihren Memoiren schreibt sie: «[…] es gibt kaum ein harmloseres Wesen als das weisse Nashorn und kaum ein Wild, das leichter über den Haufen zu schiessen ist. Die Schwierigkeit lag darin, ein kapitales Stück ausfindig zu machen und noch mehr, die ganze Haut zu bergen […]». Mit lokalen Helfenden arbeitet sie tagelang an der Konservierung.

Nashorn am Abschussort, Uganda, Vivienne von Wattenwyl, 1924 | Naturhistorisches Museum Bern

Präparieren

Im Museum in Bern treffen 1924-25 Häute und Knochen von 53 Arten und 134 Exemplaren ein, darunter auch die konservierten Teile des von Vivienne von Wattenwyl abgeschossenen Nashorns. Um die Tiere auszustellen, lässt sie der Präparator Georg Ruprecht (1887-1968) entsprechend dem aktuellen Stand der Taxidermie «naturgetreu» und «lebendig» erscheinen.

Nashorn-Dermoplastik (Südliches Breitmaulnashorn aus Südafrika von 1859), Bern, um 1930 | Naturhistorisches Museum Bern

Und heute?

Der Kolonialismus ist auch ein Treiber des Klimawandels. Die umweltschädliche Plantagenwirtschaft sowie der Abbau der Rohstoffe verschlingen bis heute riesige Waldflächen. Die Abholzung der Wälder lässt den in den Pflanzen gespeicherten Kohlenstoff in die Atmosphäre entweichen, was in nicht geringem Umfang zum Treibhauseffekt beiträgt.

Die ehemaligen Kolonien sind ungleich stärker von den Folgen des Klimawandels betroffen, etwa dem Anstieg des Meeresspiegels oder von Dürren. Deswegen fordern Aktivistinnen und Aktivisten sowie internationale Organisationen Klimagerechtigkeit.

Rassismus

Bis Ende des 17. Jahrhunderts wird die vermeintliche Überlegenheit der christlichen Kultur als Ausdruck einer «göttlichen Ordnung» angesehen. Im Zug der Aufklärung wird diese jedoch in Frage gestellt. 

An der Wende zum 19. Jahrhundert formulieren Wissenschaftler in Europa «Rassentheorien». Diese begründen die vermeintliche Überlegenheit der «weissen Rasse» nicht mehr religiös, sondern mit der «Natur». Dazu zählen Körpermerkmale wie Haarstruktur, Augenfarbe oder Schädelform. Die daraus hervorgehende «Rassenlehre» trägt wesentlich zur Legitimierung imperialer Herrschaft und Ausbeutung «fremder Rassen» in den Kolonien bei.

Heute wird die Idee von „Menschenrassen“  offiziell widerlegt, insbesondere dank der Genforschung.

Rassismus und Wissenschaft

Die Universitäten Zürich und Genf entwickeln sich um 1900 zu internationalen Zentren für «Rassenanthropologie». «Rassenkundler» vermessen Schädel von Menschen aus aller Welt und teilen sie in «Rassen» ein. Insbesondere die Methode der «Zürcher Schule» wird ab den 1920er Jahren zum international anerkannten Standard.

Diese Untersuchungen dienen auch dazu, eine angeblich bedrohte «weisse Rasse» zu schützen. «Rassenlehre» und Eugenik werden in der Schweiz vereinzelt noch bis in die 1960er Jahre betrieben.

Vermessung
Unrühmliche Berühmtheit erlangt das Zürcher Institut für Anthropologie für seine Messmethoden – beispielsweise für die Vermessung von Schädeln. Die Entwicklung und Erprobung der Messmethoden und Instrumente finden in den Kolonien statt.

Messzirkel, Siber Hegner & Co. AG, Zürich, um 1960 | Institut für Medizingeschichte, Universität Bern

Schweizer «Rassenforscher»

Professor in Harvard mit grossem Einfluss
Der Zoologe, Paläontolge und Gletscherforscher Louis Agassiz (1807–1873) wandert 1846 in die USA aus und wird einer der Hauptgegner von Darwins Evolutionstheorie. In seiner Theorie der Hierarchie der «Rassen» teilt er die Menschheit mit einer klaren Rangordnung ein, wobei er die «weisse Rasse» der «schwarzen Rasse» als überlegen ansieht. Agassiz lehnt die «Rassenmischung» ab – «Mischlinge» definiert er als minderwertig und will den amerikanischen Staat zur räumlichen Rassentrennung und zur Beschleunigung des Verschwindens der «Mischlinge» verpflichten.

Die Forderung nach Umbenennung des Agassizhorns lehnt der Bundesrat 2007 sowie die drei Gemeinden Grindelwald, Guttannen und Fieschertal 2010 sowie 2020 ab. In Neuenburg hingegen wird der Platz «Espace Louis-Agassiz» 2019 in «Espace Tilo-Frey» umbenannt.

Carte de Visite von Louis Agassiz, William Shaw Warren, um 1865 via Wikimedia Commons

Evolutionstheorie als Grundstein
Als entschiedener Anhänger des Polygenismus, der Lehre der verschiedenen Ursprünge von Menschen verschiedener Rassen, vertritt Carl Vogt (1817–1895) den Standpunkt, dass Menschen sich nicht aus einen, sondern aus mehreren menschenähnlichen Affen entwickelt hätten. Daraus schliesst er, dass Schwarze Menschen, besonders Schwarze Frauen, evolutiontionär am wenigsten entwickelt seien. Besonders an Gehirn- und Schädelform will Vogt erkennen, dass die grössten Unterschiede nicht zwischen Schwarzen und  weissen Menschen sind, sondern zwischen den Geschlechtern innerhalb einer «Rasse». 1839-1844 assistiert er Louis Agassiz in Neuenburg und ist 1873 Mitgründer der Universität Genf.

Carl Vogt, K.K. Hofphotograph, Wien, ca. 1860 | The New York Public Library

Strikte Trennung der «Rassen»
Der Arzt Auguste Forel (1848–1931) vertritt Vorstellungen von Eugenik und ist für die Bewahrung und Förderung der Homogenität der weissen Rasse. Seine eugenischen und rassistischen Ideen fliessen in den schweizerischen naturwissenschaftlichen Diskurs ein, der den kolonialen Superioritätsanspruch unterfüttert.

Auguste Forel, aus: Clark University, 1889-1899, decennial celebration, Worcester, Mass, 1899 | Internet Archive

"Naturgegebene Überlegenheit"
Der Maschineningenieur Julius Klaus (1849–1920) ist überzeugter Darwinist und glaubt an genetisch hochwertige und minderwertige «Menschenrassen». Wobei die weisse Rasse naturgegeben allen anderen gegenüber überlegen sei. Klaus rechtfertigt so den Kolonialismus. Mithilfe der Fördergelder von Klaus über rund 1'275'000 Fr. wird die Julius-Klaus-Stiftung (1922) gegründet, die heute als «Katalysator» der Genetik und Rassenforschung gilt.

Julius Klaus, Reglement der Julius Klaus-Stiftung, Zürich, 1925 | Wellcome Collection

Hierarchie der «Rassen»
Der Zoologe Emile Yung (1854–1918) formuliert zwischen 1880 und 1910 zahlreiche Theorien zur vergleichenden Anatomie zwischen den verschiedenen menschlichen «Rassen» und Affen. Ähnlich wie Carl Vogts Theorien beschränkt er sich bei der Hierarchisierung nicht auf die «Rasse», sondern bezieht sich auch auf Geschlecht und Klasse. Yung praktiziert auch Messungen an den Körpern Schwarzer Menschen, die an der Schweizer Landesausstellung von 1896 im «Village Noir» ausgestellt sind.

Emile Yung, Jean Lacroix, Genf | Bibliothèque de Genève

«Rassenhygiene» und Ethik
Der Psychiater Paul Eugen Bleuler (1858–1939) bezieht sich, wie die meisten Universitätspsychiater seiner Zeit, in seiner Forschung auf die «Degenerationslehre», der zufolge psychische Erkrankungen als eine Art «Entartung» zu sehen seien. Dabei verschränkt sich die «Degenerationslehre» mit eugenischen und später «rassenhygienischen» Ideen. In Bleulers Aufsatz Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Ethik (1936) bekräftigt er die Notwendigkeit einer strikten Rassenhygiene als Grundlange einer konsistenten Gesellschaftsordnung.

Paul Eugen Bleuler, ca. 1910 | ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Portr_09914

Politisierung der «Rassenhygiene»
Einst Schüler von Auguste Forel, gründet Ernst Rüdin (1874–1952) die vom Deutschen Alfred Ploetz herausgegebene Zeitschrift «Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie» mit. In diesem «rassenhygienischen» Kampfblatt schreibt Rüdin über die Bildungsleistung von Schwarzen Amerikanern als «eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die weisse Rasse» und warnt vor «einer Vermischung mit weissem Blut». 1905 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der von Alfred Ploetz präsidierten «Gesellschaft für Rassenhygiene».

Ernst Rüdin, aus: Erblehre und Rassenhygiene im völkischen Staat, Ernst Rüdin, München, 1934 | Zentralbibliohthek Zürich, JKS A 1292

Pseudo-wissenschaftlicher Antisemitismus
George Montandon (1879–1944) wird europaweit berühmt, nachdem er im Oktober 1940, nach der Kapitulation von Frankreich, im Werk Comment reconnaître le Juif?  antisemitische «Rassenthesen» formuliert. Von 1941 bis 1942 werden seine «Rassenthesen» im Deutschen Reich in die Praxis umgesetzt. In Frankreich arbeitet Montandon als «Rassenexperte in Judenfragen» für die Nazis.

George Montandon, Neuchâtel, 1913 | Zentralbibliothek Zürich, BR 435

Für den Erhalt der «weissen Rasse»
Der Anthropologe Otto Schlaginhaufen (1879–1973) gehört 1921 zu den Mitbegründern der Julius-Klaus-Stiftung für Vererbungsforschung, Sozialanthropologie und Rassenhygiene, deren Ziel es ist, die «praktischen Reformen zur Verbesserung der weissen Rasse» vorzubereiten und durchzuführen. Mit dem Ziel, die Grundlagen für eine Rassentypologie der Schweizer Bevölkerung zu schaffen, vermisst Schlaginhaufen Schädel von asiatischen Menschen und ist Leiter des ersten Schweizerischen eugenischen Grossprojekts, bei dem über 35'000 Wehrpflichtige der Jahre 1927 bis 1932 anthropologisch vermessen werden.

Otto Schlaginhaufen, Franz Schmelhaus, Zürich, 1914 | Universitätsarchiv Zürich, UAZ AB.1.0873

Neue Autorität für die Schweizer «Rassenforschung»
Marc-Rodolphe Sauter (1914–1983) ist ein Schüler des Genfer Anthropologen Eugène Pittard (1867–1962) und hat nach dessen Emeritierung den Lehrstuhl für Anthropologie in Genf inne. Sauter sorgt dafür, dass die «Rassenforschung» mehrere Jahrzehnte auf der Agenda der Genfer Anthropologie verbleibt. In seiner Forschung ist er bestrebt, die europäische Bevölkerung in verschiedene «Rassen» einzuteilen und zu klassifizieren, mit dem Ziel, der schweizerischen «Rassenforschung» nach dem Zweiten Weltkrieg neue Autorität zu verleihen.

Marc Roldolphe Sauter, vor 1952 | Bibliothèque de Genève

Struktureller Rassismus heute

Struktureller Rassismus geht von Institutionen und Normen aus und meint die Benachteiligung bei Bildung, Gesundheitsversorgung, Wohnungssuche und Beruf sowie das sogenannte «Racial Profiling», die polizeiliche Kontrolle aufgrund der Hautfarbe.

Die auf Erfahrungsberichten basierende Grundlagenstudie der Fachstelle für Rassismusbekämpfungin der Schweiz zeigt 2022, dass Menschen aus Südosteuropa, Schwarze Menschen sowie religiöse Minderheiten struktureller Diskriminierung ausgesetzt sind.

Rassismen im Alltag

Zu Beginn des 20. Jh. zeugen die aufkommende Werbung und die «Völkerschauen» von stereotypisierenden Fremdbildern über Menschen aus den Kolonialgebieten. Auch in Schul- und Kinderbüchern finden sich rassistische Menschenbilder.

Die Verbreitung von Stereotypen und Vorurteilen führt dazu, dass bestimmte Gruppen in der Schweiz als fremd wahrgenommen werden. Zu ihnen zählen auch Romnja und Roma, Sintizze und Sinti, Jenische Personen sowie Jüdinnen und Juden. Ihr Alltag ist geprägt durch Formen von Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung.

Das Village noir: eine «Völkerschau»

Das Village noir an der Landesausstellung 1896 in Genf präsentierte 227 Personen aus dem Gebiet des heutigen Senegal. In der Schweiz wurden solche Inszenierungen bis in die 1960er-Jahre organisiert. Die ausgestellten Menschen wurden als minderwertig und «unzivilisiert» präsentiert, im Einklang mit den damaligen rassistischen Vorstellungen.

Affiches Camis, Paris. «Villages N-» an der Landesausstellung, 1896 | Bibliothèque de Genève

Respektlosigkeit

Die «ausgestellten» Menschen sind der Neugierde der Besucherinnen und Besucher ausgesetzt; diese können uneingeschränkt durch das Village spazieren. Viele von ihnen sehen das erste Mal im Leben Schwarze Menschen. In diesem Sinne werden Letztere ständig gestört, belästigt und manchmal gar misshandelt. Die Freitags-Zeitung veröffentlicht einen der seltenen Artikel, der die Respektlosigkeit einiger Besucherinnen und Besucher kritisiert und der in der Romandie von L’Helvétie übernommen wird: «Man ist wirklich verlegen, wenn man sieht, wie rücksichtslos und ohne Taktgefühl sich einige angeblich zivilisierte Europäer aufführen.»

Antoine Chevalley, Landesausstellung: Parc de Plaisance (Village Noir), 1896. Fotografie | Bibliothèque de Genève

Eine lebendige Illusion

Das Village noir dient in erster Linie als Attraktion, weshalb auch spezielle Ereignisse, etwa das muslimische Opferfest «Tabaski» oder die Taufe eines Neugeborenen, inszeniert werden. Diese Events sind hauptsächlich Werbeaktionen. Die Kulisse des Village, insbesondere die Moschee im Zentrum, soll dem Publikum eine authentische Begegnung vorgaukeln. In Wirklichkeit handelt es sich um eine projizierte Realität ausgehend von der Wahrnehmung der Kolonialherren, die grundsätzlich von den Betrachtenden geteilt wird.

Émile Pricam. «La Mosquée du Village n-», Fotografie, 1896 | Bibliothèque de Genève

Zwei komplett gegensätzliche Dörfer

Das Village noir befindet sich neben einer anderen grossen Attraktion der Landesausstellung von 1896: dem Dörfli, das eine gemeinsame Schweizer Identität inszeniert. Es zeigt ein Land voller arbeitsfreudiger Menschen, die ein einfaches und harmonisches Leben vor einer Bergkulisse führen. Das Bild eines «exotischen» und «unzivilisierten» Afrikas wird nicht zuletzt durch diesen Gegensatz geschaffen.

Verlag N. Haussmann. Werbung für das Village noir, 1896 | Bibliothèque de Genève

Ein «afrikanisches Dorf» in Lausanne

Mit 70 bis 100 Personen aus Guinea und Senegal, damals französische Kolonien, sollte das Dorf den afrikanischen Kontinent repräsentieren, regionale oder kulturelle Besonderheiten werden komplett ausgeblendet. Die ausgestellten Personen werden durch die Brille rassistischer Stereotypen wahrgenommen.

André Kern, Village africain du Comptoir suisse, 1925, Fotografie | Musée Historique Lausanne

Koloniale Kontinuitäten

Denkmalsturz | © Schweizerisches Nationalmuseum

Denkmalsturz
Der Genfer Künstler Mathias C. Pfund stellt 2021 eine verkleinerte gestürzte Skulptur von David de Pury (1709–1786), der am Dreieckshandel und am Handel mit versklavten Menschen beteiligt war, neben die originale Statue von 1855.

Mathias C. Pfund, Great in the concrete, ex. 2/5, 2022, Bronze | Schweizerisches Nationalmuseum

Mehr erfahren: Whitey on the Moon & La tête dans le socle

Agassiz kopfüber
1906 bebt in San Francisco die Erde so stark, dass die Statue von Louis Agassiz von der Fassade der Stanford University fällt. Der Schweizer Natur- und Gletscherforscher, der in den USA aber auch rassistische Theorien entwickelte, landet kopfüber und bricht in den Boden ein. Dieses Ereignis wird Jahre später als symbolische Geste der Natur interpretiert und das Bild des versenkten Agassiz in der Kampagne Demounting Agassiz verwendet.

Vom Erdbeben gekippte Skulptur von Louis Agassiz, Antonio Frilli, Stanford University, San Francisco, 1906 | Zeitungsartikel «The Fall of Agassiz at San Francisco», The Sphere, 1906

Denkmal von David De Pury
Der Gemeinderat von Neuchâtel lanciert 2022 einen künstlerischen Wettbewerb, dessen Mitpreisträger Mathias C. Pund ist. Er nimmt das Bild der gestürzten Agassiz-Skulptur zum Anlass, das Denkmal des Bankiers und Sklavenhändler David de Pury (1709–1786) zu hinterfragen. Mit seinem Werk möchte der Künstler nicht unbedingt eine Verbindung zwischen diesen beiden Biografien herstellen, sondern auf die Art der Repräsentation «grosser Männer» im öffentlichen Raum hinweisen.

Seine umgekehrte, kleine Version der Skulptur bezeichnet der Künstler als Fussnote zur Würdigung De Purys im öffentlichen Raum.

Mathias C. Pfund, Great in the concrete, 2022, Bronze

Rückgaben

Seit den 1970er Jahren fordern ehemals kolonisierte Länder die Rückgabe von geraubten Kulturgütern und menschlichen Überresten. In den letzten Jahren wird der Umgang mit kolonialen Museumssammlungen öffentlich debattiert, und der Bundesrat schafft 2023 eine unabhängige Kommission für historisch belastetes Kulturerbe.

Die Dekolonisierung hat Einzug in die Museen gehalten: So stehen auch die Untersuchung der Erwerbsumstände und die Rückgabe von Objekten auf der Agenda vieler Schweizer Museen.

Videoinstallation

Was bedeutet das koloniale Erbe für die Schweiz der Gegenwart? Die dialogische Videoinstallation «koloniale Kontinuitäten» zeigt in Form eines inszenierten Podiums aktuelle gesellschaftliche Debatten mit unterschiedlichen Positionen und Perspektiven.

Die Themen der Debatten sind:

  • Koloniale Spuren und blinde Flecken
  • Koloniales Erbe und Erinnerungskultur
  • Historische Verantwortung und Wiedergutmachung

Zu Wort kommen verschiedene Personen aus dem jeweiligen Themenfeld.

Biografien der Referent-innen

Mischa Hedinger ist Filmemacher. Angetrieben von der Frage, welche Konstruktionen und Narrative sein Bild von Afrika mitgeprägt haben, realisiert er 2019 den Dokumentarfilm «African Mirror» (2019). Darin zeigt Hedinger anhand des Archivmaterials von René Gardi, wie dieser das Bild des afrikanischen Kontinents in der Schweiz als Kontinent westlicher Sehnsüchte massgeblich geformt hat und wie sich in Gardis ambivalenten Bildern die Idee einer europäischen Überlegenheit vielfach spiegelt. Der Film entlarvt das Bildermachen als eine Form des Kolonialismus, das bis heute anhält.

Tarek Naguib, forscht mit dem Schwerpunkt Antidiskriminierungsrecht. Als Jurist untersucht er koloniale Spuren im Schweizer Recht, das für Naguib ein Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse ist, aber auch gesellschaftliche Verhältnisse mitgestaltet. Er ist Mitbegründer des Institut Neue Schweiz INES, der Allianz gegen Racial Profiling sowie der Aktion Vierviertel. Derzeit arbeitet er als Koordinator der NGO-Plattform Menschenrechte Schweiz, einem zivilgesellschaftlichen Zusammenschluss von über 100 Organisationen, die sich gemeinsam für die Stärkung der Menschenrechte in der Schweizer Innen- und Aussenpolitik einsetzen.

Anja Glover ist Soziologin, Autorin, Podcasterin, Rassismusexpertin, Diversity Coach und Social Entrepreneurin. Als erfahrene Referentin zu Themen wie Antirassismus, nachhaltige Kakaoproduktion, Aufarbeitung des Kolonialismus und anderen Bereichen sozialer Gerechtigkeit hält Glover aufschlussreiche Vorträge, die Bewusstsein schaffen, zum Handeln motivieren und nachhaltige Veränderungen in Unternehmen, Bildungseinrichtungen und der Gesellschaft fördern sollen. Anja Glovers Vorträge basieren auf Forschungsergebnissen und realen Erfahrungen, mit denen sie ihr Publikum informieren und zum Reflektieren inspirieren möchte. Zudem ist Glover Gründerin des Schoggifestivals Schweiz, Co-Gründerin der Paname Academy sowie des Good Chocolate Hub und Co-Kuratorin der Ausstellung «Blinde Flecken – Zürich und der Kolonialismus» (2023).

Kanyana Mutombo ist promovierter Politikwissenschaftler (Graduate Institute of international studies, Genf), Berater und internationaler Experte für Rassismus und Diskriminierung. Er war für das UNESCO-Programm zur Bekämpfung von Rassismus und Diskriminerung zuständig. Er hat innovative Bildungsmodule entwickelt, die den Schwerpunkt auf die zentrale Bedeutung von «Ubuntu» (steht für ‘Menschlichkeit’ in den Bantu-Sprachen) und die Dekonstruktion kolonialer Konzepte legen. Darüber hinaus ist er Generalsekretär des 2002 gegründeten «CRAN-Observatorium für Anti-Schwarzem Rassismus in der Schweiz, sowie Mitbegründer und Direktor der «Afrikanischen Volksuniversität» (UPAF, 2008 in Genf gegründet), nachdem er zuvor die Zeitschrift Regards Africains (1986-2005) mitbegründet und geleitet hatte.

Martine Brunschwig Graf war von 2011 bis 2023 Präsidentin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR). Während ihrer Präsidentschaft wurde die 47. Ausgabe der Zeitschrift Tangram, zum Thema «Das koloniale Erbe der Schweiz» veröffentlicht, für die sie auch das Editorial verfasste.

Ziel der Tangram-Ausgabe ist die koloniale Geschichte der Schweiz und ihre Kontinuitäten mit unterschiedlichen Ansätzen und aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und um letztlich auf Lücken hinzuweisen, die in der Wissenschaft, im Unterricht und in unserem allgemeinen Geschichtsverständnis noch zu schliessen sind.

Als Kind eines Kongolesen und einer Schweizerin war die Journalistin Rachel M’Bon indirekt vom Kolonialismus, aber direkt von seinen Spuren in der Schweiz in Form von Rassismus und Diskriminierung betroffen. Diese sind für M’Bon eng mit kolonialen Vorstellungen verbunden und noch immer im kollektiven Gedächtnis verankert. Zusammen mit Juliana Fanjul hat die Journalistin den Dokumentarfilm «Je suis Noires» realisiert, in dem sie sieben in der Schweiz lebenden Schwarzen Frauen von ihrer Identitätssuche, ihren Erfahrungen mit strukturellem Rassismus in der Schweiz und ihrem Kampf um gesellschaftliche Anerkennung erzählen lässt. M’Bon ist zudem Gründerin des Vereins «Now We Are Rising» (NWAR).

Matthieu Gillabert ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg und lehrt an der FernUni Schweiz. Er hat zahlreiche Arbeiten zum Kulturaustausch während des Kalten Krieges, zur Kultur- und Wissenschaftsdiplomatie und zu den Kultur- und Bildungsbeziehungen zwischen dem Ostblock und den postkolonialen Ländern veröffentlicht. Weiter hat Gillabert über den frankophonen Raum aus einer postkolonialen Perspektive geforscht und interessiert sich für die Geschichte der kolonialen Vergangenheit der Schweiz und wie daran erinnert wird, insbesondere der Stadt Neuenburg. Zudem ist er Mitautor des Rundgangs «Neuchâtel, empreintes coloniales», der sich in eine Reihe von Aktionen der Stadt einfügt, die darauf abzielen, die Kolonialgeschichte besser bekannt zu machen und eine grössere Inklusion aller Menschen im öffentlichen Raum zu fördern.

Rachel Huber ist promovierte Historikerin. Huber ist Co-Autorin der Studie «Erinnerungskultur Stadt Zürich», die 2023 vom Präsidialdepartement in Auftrag gegeben wurde. Die Auswertung gibt Einblick zu den verschiedenen erinnerungskulturellen Akteurinnen und Akteuren aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Kultur und Medien sowie Politik und Verwaltung die zu Zürichs Geschichtsbildern wurden, und zeigt, dass in der aktuellen Geschichtsschreibung etliche historische Akteurinnen und Akteure ausgeblendet wurden und insofern nicht die plurale Geschichte abbilden, die Zürich eigentlich hat. Die Studie will den Diskursrahmen an wen und wie im öffentlichen Raum erinnert werden soll mit Gestaltungsmöglichkeiten der Erinnerungskulturen erweitern.

Denise Tonella ist seit 2021 Direktorin des Schweizerischen Nationalmuseums. Davor war die Historikerin als Kuratorin und Projektleiterin zahlreicher Ausstellungen, beispielsweise zur Epoche der Renaissance, zur Geschichte des Mittelalters, zur Dauerausstellung «Geschichte Schweiz» oder zur Wechselausstellung Frauen.Recht, am Landesmuseum Zürich tätig. Sie lehrt in regelmässigen Abständen an Universitäten und wirkt als Spezialistin für Schweizer Geschichte und Frauen Geschichte in zahlreichen Fachgremien.

Esther Tisa Francini ist Historikerin und Leiterin des Schriftenarchives und der Provenienzforschung am Museum Rietberg, Zürich. Sie kuratiert auch Ausstellungen, zuletzt «Wege der Kunst – Wie die Objekte ins Museum kommen» (2022-2024). Von 2021 bis 2024 war sie gemeinsam mit Michaela Oberhofer Co-Leiterin der vom Bundesamt für Kultur geförderten «Benin Initiative Schweiz», welche die Provenienzen, d.h. Herkunftsgeschichte, von Objekten aus dem Königtum Benin in acht Schweizer Museen untersuchten. Die Forschungen, die in Zusammenarbeit mit nigerianischen Expertinnen und Experten durchgeführt wurden, haben nicht nur den Zusammenhang der britischen Plünderung von 1897 in Benin und den Werken in der Schweiz untersucht, sondern auch die Bedeutung und Funktion der Objekte aufgearbeitet. Darüber hinaus geht es auch um die Diskussion über die Zukunft der Sammlungen und gemeinsame Projekte mit Nigeria und damit auch um Aushandlungsprozesse im Umgang mit Rückgabeforderungen.

Davide Rodogno ist Professor am Departement Geschichte und Internationale Politik am IHEID, dem Hochschulinstitut für internationale Studien und Entwicklung in Genf. Er erforscht die Geschichte philanthropischer Stiftungen und die internationale öffentliche Gesundheit seit dem 19.  Jahrhundert. Im März 2022 veröffentlichte Rodogno im Auftrag der Stadt Genf zusammen mit Professor Mohamed Mahmoud Mohamedou eine Studie über die koloniale Vergangenheit der Stadt. Darin präsentieren sie eine Kartografie, die zum ersten Mal eine vergleichende und historische Bestandsaufnahme der Denkmäler und des Erbes von Rassismus, Kolonialismus und Sklaverei im öffentlichen Raum der Stadt Genf zeigt.

Alec von Graffenried ist seit 2017 Stadtpräsident von Bern. Er interessiert sich für die Erforschung des Engagements des Alten Bern in der globalen kolonialen Ausbeutung beziehungsweise im transatlantischen Sklavenhandel. Gestützt auf diese Forschungsergebnisse muss die Geschichte der alten Eidgenossenschaft im 17. und 18. Jahrhundert teils neu geschrieben und neu beurteilt werden. Für die heutige Zeit fordert er verbindliche Vorschriften für die Verantwortung von Unternehmen in ihren internationalen Geschäftsbeziehungen (Konzernverantwortung).

Nicole Baur ist seit 2021 Mitglied des Gemeinderats der Stadt Neuchâtel. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen arbeitet sie daran, die koloniale Vergangenheit ihrer Stadt in der Bevölkerung besser bekannt zu machen und den öffentlichen Raum inklusiver zu gestalten. Diese Massnahmen, die 2020 aus den «Black Lives Matter»-Demonstrationen entstanden sind, hatten zu zwei Petitionen an die Behörden geführt, von denen eine die Entfernung der Statue von David de Pury und die andere den «Respekt vor unserer Geschichte» forderte. Die Petitionen wurden mittlerweile zu den Akten gelegt.

Fabio Rossinelli ist seit 2020 promovierter Historiker und arbeitet an verschiedenen vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützten Projekten und ist gleichzeitig als Lehrbeauftragter an der Universität Lausanne tätig. Über die europäischen Archive hinaus untersucht Rossinelli die Rolle der Schweiz im kolonialen Imperialismus des 19. Jahrhunderts, insbesondere in Subsahara-Afrika. Er hat mehrere Artikel und eine Monographie veröffentlicht, in denen er die Frage der globalen Verflechtungen des Staates untersucht. Dabei legt er besonderen Wert auf den Einbezug lokaler Narrative, Wissensbestände, Methoden und Quellen. Er ist ausserdem Co-Kurator der Ausstellung «Mémoires. Genève dans le monde colonial» im Ethnografischen Museum Genf.

Rita Kesselring ist promovierte Ethnologin und seit 2022 assoziierte Professorin für Urban Studies an der Universität St. Gallen. Sie beschäftigt sich mit globalen asymmetrischen Abhängigkeiten, deren Folgen im globalen Süden und Möglichkeiten der Veränderung. In ihrer Promotionsarbeit untersuchte Kesselring den Rechtsweg als Mittel der Wiedergutmachung am Beispiel von Apartheidopfern und deren Sammelklagen gegen westliche Konzerne. Kesselring, die für ihre Habilitation auch in Sambia lebte, untersuchte das Leben in der Bergbaustadt Solwezi in Sambia, unweit der grössten Kupfermine Afrikas, und wie diese mit dem Schweizer Rohstoffhandelsplatz zusammenhängt. Sie ist Mitglied der KEESA (Kampagne für Entschuldung und Entschädigung im südlichen Afrika) und Mitunterzeichnerin von SCORES (Schweizerisches Komitee für Wiedergutmachung der Sklaverei).

Rohit Jain ist promovierter Sozialanthropologe und künstlerischer Forscher. Er ist Lehrbeauftragter an der Universität Bern mit den Schwerpunkten Migration, Postkolonialismus, Rassismus sowie öffentliche und globale Populärkultur. Zudem forschte und publizierte er zu indischer Diasporapolitik, Urban Citizenship, Goldhandel, Erinnerungspolitik und kultureller Teilhabe. In seinen Forschungen und politischen Interventionen arbeitet er mit Gemeinschaften und Menschen aus Kunst, Forschung und Zivilgesellschaft zusammen, um marginalisiertes Wissen zu bündeln sowie öffentlich und vielstimmig zu verhandeln. Rohit Jain ist Mitbegründer des postmigrantischen Think & Act Tanks Institut Neue Schweiz INES, dem Kollektiv Berner Rassismusstammtisch und dem künstlerisch-politischen Langzeitprojekt «Schwarzenbach Komplex».

Sacha Zala ist promovierter Historiker und Titularprofessor für Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte an der Universität Bern. Zala untersucht in seinen Forschungen die Einbettung der Schweiz in das System der internationalen Beziehungen. Seit 2008 ist Direktor der Forschungsstelle Diplomatische Dokumente der Schweiz (Dodis), ein Institut der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW). Das Hauptziel von Dodis besteht darin, der Forschung und der Öffentlichkeit eine Auswahl amtlicher Quellen zur Verfügung zu stellen, um die Aussenbeziehungen und die dichte transnationale Verflechtung der Schweiz zu veranschaulichen und besser zu verstehen.

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